Donnerstag, 17. März 2016

[Rezension] Pastworld

Autor: Ian Beck | Verlag: Loewe Verlag | erschienen am 01. Juni 2010 | 395 Seiten 
Preis: 3,95 € (broschierte Ausgabe) | ISBN: 978-3-7855-7156-9


Handlung
Im Jahre 2048 gibt es eine atemberaubende Attraktion: Pastword - einen gigantischen Themenpark, der dem London des 19. Jahrhunderts nachempfunden wurde. Hier treibt ein unheimlicher Mörder sein Unwesen, der gemeinhin "das Phantom" genannt wird.

Die junge Eve ist in Pastworld aufgewachsen und weiß nicht, dass ihre Welt lediglich ein Freizeitpark ist. Sie wurde ihr Leben lang von ihrem Ziehvater Jack verborgen gehalten.

Caleb darf seinen Vater auf eine Reise nach Pastworld begleiten, doch dann wird er in einen Strudel von Ereignissen hineingezogen, die er sich zunächst nicht erklären kann.


Cover
Das Cover gefällt mir so mittelmäßig. Was mir gut gefällt, ist die Gasse mit dem Nebel, der Laterne und dem Herren im Cape dazu. Wenn man dann noch die junge Dame im Vordergrund und das Zeppelin am Himmel bemerkt, dann erkennt man, dass hier versucht wurde, alle Handlungsstränge in ein Bild zu stauchen und das finde ich dann wieder zu gewollt und das Bild wird auch einfach zu voll.
Die Ränder haben eine abgewetzte Optik bekommen, was zwar auch zur Gestaltung des Buches passt, aber nicht meinen Geschmack trifft. Auf den ersten Blick sieht das Buch einfach nur aus, als wäre es kaputt und nicht pfleglich behandelt worden.
Der Schriftzug ist in einem schillernden Silber gehalten, der bei Lichteinfall in Regenbogenfarben schimmert. Damit hätten wir den Bogen zum Jahr 2048 geschlagen, aber optisch passt das so gar nicht zu der altertümlichen Gasse, spricht mich also auch nicht besonders an.


Ich versteh' nur Pfefferminzpastete...
Die herrschende Meinung über dieses Buch lautet "gute Idee, schlechte Umsetzung" und dem schließe ich mich an.

Beginnen wir mit den Charakteren. Leider blieben die allesamt unglaublich blass und emotionslos und ihre Handlungen sind oft nicht nachvollziehbar. Zu keinem von ihnen habe ich einen Draht bekommen.

Ein Beispiel hierfür ist u. a. Calebs Reaktion, nachdem er zu Beginn unter Mordverdacht geraten und geflohen ist: Ich könnte mir in dieser Situation vieles vorstellen, vielleicht Verzweiflung, Angst, oder etwas dergleichen. Caleb hingehen fühlt sich frei und beschwingt und spekuliert sich ein neues Leben in Pastworld als tollkühner Superschurke zusammen. Ach so.
Übrigens taucht Caleb, der ja offiziell ein Hauptcharater ist, erst nach über einem Drittel des Buches erst auf, das finde ich reichlich spät.

Ähnlich verhält es sich mit Eve, als sie zufällig mit anhört, dass irgendjemand in der Stadt nach ihr sucht. Sie beschließt, sich aus der sicheren Wohnung zu schleichen, die sie ihr Leben lang nur selten verlassen durfte, um zum Zirkus zu gehen. Na klar. Warum zum Zirkus? Hat sie mal ein Buch darüber gelesen oder wie kommt sie auf Zirkus? Zugegeben, das wird sogar später erklärt, aber dennoch ist man erst mal über 300 Seiten lang unzufrieden und empfindet das als willkürlich aus der Luft gegriffen.
Nur eine einzige Szene ist mir im Gedächtnis geblieben, die ich beim Lesen wirklich gefühlt habe und das war eine ziemlich belanglose: Als Eve die Wohnung verlassen hat, kauft sie sich ein paar Meter weiter eine Pfefferminzpastete. Diese Beschreibung der warmen, duftenden Pastete an einem kalten Wintertag war eine schöne Vorstellung.

Das Phantom habe ich als Charakter als unglaublich abgedroschen empfunden. Mörder-Figuren mit Cape und Zylinder gibt es bereits zuhauf. In einer Stadt, die komplett mit Kameras ausgeleuchtet ist und in der sogar elektronische Ratten und Vögel alles aufzeichnen, sollte es unmöglich sein, dass niemand mitbekommt, wo das Phantom sein Versteck hat oder dass es ständig einfach verschwindet und nicht mehr gesehen wird. Am schlimmsten war dann die Schilderung, dass es sich in dramatischer Pose einen Turm hinunterstürzt; im Nachgang wird dies als Basejumping erklärt und ich habe nichts von einem Fallschirm oder einem Wingsuit gelesen und selbst dann wäre es mir zu lächerlich gewesen. Das große Netzwerk an Untergebenen wird an keiner Stelle plausibel erklärt. Außerdem soll das Phantom erst Anfang 20 sein, warum sollten die ihm so bedinungslos gehorchen? Was mich außerdem massiv gestört hat: Es werden immer wieder Vergleiche mit Jack the Ripper gezogen, jedoch scheint sich der Autor nicht wirklich mit den Ripper-Morden befasst zu haben oder vertraut auf die Unwissenheit seiner Leser. Während Jack the Ripper Prostituierte tötete und verstümmelte, tötet das Phantom ziemlich wahllos, verteilt die Köpfe an interessanten Orten und bringt die Toten in sein Versteck, wo es an ihnen Pathologe spielt. Lediglich das Entnehmen von Organen gab es auch beim echten Ripper.

Damit wären wir auch schon bei den logischen Schnitzern:
Wenn das Phantom einem Opfer das Herz entfernen oder sonstwas damit tun möchte, sind da erstmal die Rippen im Weg. Daran denkt leider nur selten jemand! Bei Herz-Transplantationen entfernt man hierzu das Brustbein, dann klappen die Rippen auseinander und hinterher setzt man es wieder ein - wem das als Mörder zu viel Arbeit ist, der müsste sie aber wenigstens vorher durchknipsen!
Auch die "helle Öllampe" auf Seite 145 hat mich kurz aufgeregt: Was denn nun - hell oder Öllampe? Hat der Autor schon einmal eine Öllampe gesehen? Die geben nur eine kleine, sehr dunkelorangene Flamme ab, mehr nicht!

Die Handlung zieht sich wie Kaugummi und kommt einfach nicht auf Touren. Ich habe mich überhaupt nur bis zum Ende durchgequält, weil ich dann doch wissen wollte, wie das alles zusammenhängt. Die Auflösung war dann auch kein Wow-Effekt, sondern wirkt unglaublich gestellt und unplausibel und da vieles auch überhaupt nicht wirklich erklärt wird, wird man als Leser ganz schön im Regen stehen gelassen - mit einem großen Fragezeichen. Mehr als einem.

Von der Welt außerhalb von Pastworld erfährt man übrigens absolut nichts. Gar nichts.
Ab und zu wird man daran erinnert, dass es sie gibt, indem man kurze Passagen aus Sicht der Wachleute bekommt, die den ganzen Tag auf die Überwachungsmonitore starren. So erhählt man auch manchmal mehr Informationen zum Phantom.
Darüber hinaus gibt es Auszüge aus den Memoiren eines Polizeibeamten zu lesen, der in den Phantom-Morden ermittelt hat. Und man sieht auch alle möglichen Plakate, Schriftstücke und Schilder. Nett, aber unnötig. Ich möchte nicht parallel zu drei Haupthandlungssträngen ständig noch Schnipsel von anderen Personen lesen müssen, die noch nicht mal wirklich etwas beitragen. Das bremst die ohnehin schon furchtbar langsame Handlung noch mehr aus.

Ich muss zugeben, dass ich ab einem gewissen Punkt nicht mehr weiter gelesen, sondern nur noch geblättert habe, weil ich die Auflösung noch wissen wollte. Es war einfach nicht mehr auszuhalten und ich habe mich die ganze Zeit geärgert, meine Zeit an dieses Buch zu verschwenden.


Fazit
Der günstige Neupreis von gerade einmal 4 € hatte mich schon beim Kauf stutzig werden lassen, aber der Rest hörte sich gut an, also gab ich dem Buch eine Chance. Leider.
Das Buch wirkt ungeplant und vollgestopft, die Charaktere bleiben blass und nicht nachvollziehbar, die Handlung schleppt sich nur müde voran und keiner der Handlungsstränge hat eine erkennbare Richtung, in die er sich bewegen würde. Die Idee an sich hätte Potential gehabt, aber leider ist hier einiges daneben gegangen. Schade!




Kommentare:

  1. Hallo, kleine Fledermaus :)

    Du hast Recht, die Idee zu dem Buch klingt sehr interessant und man hätte sicherlich viel daraus machen können, aber deine Schilderungen ... die lassen ja das Schlimmste erwarten ôO
    Sehr traurig. Hättest du etwas besseres darüber sagen können, hätte ich über einen Kauf nachgedacht, weil eben die Idee so gut klingt, aber das ... das werde ich mir dann wohl doch nicht antun :)

    Liebe Grüße,
    June

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    1. Hey June! :)

      Ja, das ist sehr schade, dass hier so viel Potential verschenkt wurde. Ich würde dir den Kauf ehrlich gesagt auch nicht anraten, außer du gehörst zu den Leuten, die auch mit sich sehr dahinschleppenden Büchern gut zurechtkommen.

      Liebe Grüße! :)

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