Donnerstag, 21. Juni 2018

[Rezension] "Papagei über Bord" von Ha Jin


Autor: Ha Jin | Verlag: Arche Verlag | ISBN: 978-3716027370
erschienen am 23. September 2016 | 285 Seiten | Preis: 19,99 € (Hardcover)



Handlung
In zwölf Kurzgeschichten zeigt Ha Jin verschiedene Schicksale chinesischer Einwanderer im New Yorker Stadtteil Flushing auf. Nicht nur die kulturellen Unterschiede stellen die Menschen vor diverse Probleme - auch Geldsorgen, Zukunftsängste und die Frage nach dem eigenen Ich bestimmen den Alltag.




Cover
Das Cover ist schlicht gehalten aber gerade dadurch sehr ansprechend, für meinen persönlichen Gemacht jedenfalls. Die Federn sind hübsch, haben aber natürlich wenig mit China und Amerika zu tun. Man könnte aber den philosophischen Ansatz hineininterpretieren, dass alle Hauptcharaktere im Buch ein bissche wie Federn im Wind vom Leben herumgepustet werden.


Zwischen zwei Kulturen
Die Themen, die innerhalb dieser zwölf Geschichten behandelt werden, sind sehr vielfältig. Die Geschichten sind dabei zwischen vier und vierzig Seiten lang. Zumeist gibt es einen Ich-Erzähler, nur ein paar wenige Geschichten sind aus der dritten Person geschrieben. Daher war es am Anfang immer etwas schwierig, ein Gefühl dafür zu bekommen, wer der Ich-Erzähler überhaupt ist, aber wenn man etwas Geduld hat, erfährt man es immer früh genug.

Die Probleme sind einerseits kultureller Art, häufig aber auch familiärer. So hat die Verwandschaft zuhause in China häufig eine völlig falsche Vorstellung vom Leben in Amerika und hat nicht nur kein Verständnis für die Probleme der Auswanderer sondern bedrängt diese regelmäßig mit Wünschen und Bitten. Nicht selten schicken die Auswanderer fast all ihr Gehalt nach Hause an die Familie und behalten von ihrem hart verdienten und dennoch wenigen Geld fast nichts für sich. Gute Jobs sind nur für wenige erreichbar, denn die meisten sprechen kein oder nur schlecht Englisch, manche sind illegal eingewandert und viele verfügen auch über keine Ausbildung, die einen besser bezahlten Beruf ermöglichen würde.

Besonders aufgefallen ist mir das Thema Ehe. Heiraten scheint für Chinesen noch immer ein wichtiges Ziel im Leben zu sein und auch einen gewissen gesellschaftlichen Status mit sich zu bringen, gleichzeitig aber auch viele Verpflichtungen. Die Ehe hat dort anscheinend noch einen viel höheren Stellenwert als heutzutage in den meisten westlichen Ländern, wobei das hier ja auch nur wenige Jahrzehnte zurückliegend noch ähnlich war. 

In fast jeder Geschichte wird auch recht detailiert über das Essen geschrieben, was mich sehr interessiert hat, aber ich habe beim Lesen deshalb immer Hunger auf asiatisches Essen bekommen. 

Gerade in den ersten Geschichten war ich irritiert, weil die Hauptcharaktere nahezu emotionslos erscheinen oder zumindest keinen Zugang zu ihren Gefühlen zu haben scheinen. Man muss in diesem Buch sehr zwischen den Zeilen lesen, aber ich habe mich schnell daran gewöhnt. Hier weiß ich nicht, ob das einfach Ha Jins Schreibstil ist oder ob auch das mit der chinesischen Kultur zusammenhängt. Gefühle offen zu zeigen ist dort - soweit ich weiß - nicht so gern gesehen, das wäre eine Erklärung. 

Die Geschichten spielen alle im New Yorker Stadtteil Flushing und vereinzelt kennen sich die Charaktere sogar, ohne dass jedoch ihre Geschichten ineinander übergreifen würden. Das fand ich gut gemacht, da sich so ein roter Faden ergibt, die alles verbindet, obwohl es zwölf ganz eigentständige Geschichten sind.

Um auch endlich mal auf die eigentliche Handlung einzugehen, aber trotzdem nicht zu viel zu verraten, hier noch ein paar Beispiele der Plots: Ein Opernkomponist wird von seiner Freundin vorübergehend mit deren Papagei allein zurückgelassen und erst allmählich entwickelt er eine Bindung zu ihm; die in Amerika geborenen Enkelkinder wollen ihre chinesischen Namen ind englischsprachige ändern; eine junge Frau beendet eine Affäre als ihr Ehemann seine Einreiseerlaubnis erhält; ein Professor für amerikanische Literatur reist illegal ein unter völlig falschen Vorstellungen wie er in Amerika Geld verdienen könnte, ...

Allgemein bietet dieses Buch sehr viele Ansätze zum Analysieren und Interpretieren und ich behaupte mal, dass man auch genau das tun muss, um dieses Buch wirklich verstehen und erfassen zu können. Wer sowas mag, wird dieses Buch lieben. Wer sowas nicht kann und nicht mag, der wird hierin vermutlich nur einen trockenen Schreibstil ohne Tiefe sehen. Man in der Lage sein, zu sehen, was dahinter liegt.


Fazit
Ein gelungenes Werk, das einen interessanten Einblick in die chinesische Kultur gibt und auch die Probleme der Auswanderer verständlich machen. Der Schreibstil mag für manch einen gewöhnungsbedürftig sein, für mich war er jedoch sehr passend und gut zu lesen. Manche Geschichten hätte ich gerne noch länger verfolgt und werde mich definitiv noch nach anderen Büchern von Ha Jin umsehen.





Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen